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Auf der Grundlage von Beziehungslosigkeit soll Beziehungsfähigkeit erzwungen werden.
Andreas Renger, Gudrun Schuster:
Auf der Grundlage von Beziehungslosigkeit soll Beziehungsfähigkeit erzwungen werden.
Der Psychologische Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichentherapeut Andreas Renger und die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Gudrun Schuster setzen sich mit dem zunehmend populärer werdenden Erziehungsratgeber von Michael Winterhoff „Warum unsere Kinder Tyrannen werden Oder: Die Abschaffung der Kindheit“, Gütersloher Verlagshaus kritisch, und aus personzentrierter Sicht auseinander.
Es gibt Bücher, die könnte man einfach ignorieren, zumal, wenn sie kaum wissenschaftlichen Anspruch erheben, formal keinerlei Verweise auf andere Autoren oder Literaturangaben beinhalten, sich ausschließlich aus der intuitiven Erkenntnis des Autors speisen - eines Autors, der ohne jegliche Bemühung, sich mit der aktuellen Fachdiskussion auseinander zusetzen auskommt. Gerade auf dem Markt der so genannten Erziehungsratgeber gibt es sicher viele solcher wohlfeilen Angebote. Wie gesagt, man könnte sie ignorieren, stiege da nicht ein solches Werk auf in die Bestsellerlisten von Spiegel und Focus, hinauf in die ersten Plätze mittenrein zwischen die Feuchtgebiete und Bohlenwege des deutschen Büchermarktes. Man könnte auch dieses Buch ignorieren, würde dem Autor, einem Bonner Kinder- und Jugendpsychiater, in Funk und Fernsehen und in zahlreichen Vortragsveranstaltungen nicht Gelegenheit geboten, Stammtischpositionen zu Erziehungsfragen einer ratlosen und dabei hilfesuchenden Öffentlichkeit zu präsentieren, die einen Trend zu bedienen scheinen, wie ihn vor ihm bereits Bernhard Bueb mit seiner Streitschrift „Lob der Disziplin“ angestoßen hat. Hier zeigt sich ein Trend, der allmählich entwickelte und mühsam in die Gesellschaft integrierte humanistische und personzentrierte Ideen der letzten Jahrzehnte zu entwerten droht.
Schon der Titel verrät uns, was wir zu erwarten haben: Um die kleinen Tyrannen geht es wieder einmal, seit Irina Prekop der Inbegriff von Kindern, die dank der Unfähigkeit ihrer Eltern und einer vom Werteverfall gezeichneten Kultur zu kleinen Monstern mutieren und eine bedrohliche Zukunft für uns alle erwarten lassen. „Wir leben in einem Ausnahmezustand,“ erfahren wir bei Winterhoff, „in dem die Kinder zu den Erziehern ihrer Eltern geworden sind und diese rein lustbetont steuern können, ohne Grenzen aufgezeigt zu bekommen.“ Endzeitstimmung macht sich breit und die Heilsbotschaft schickt er sogleich hinterher, indem er erklärt, sein Ansatz sei „die einzige Möglichkeit, diesen Trend sinnvoll zu analysieren und Strategien zu entwickeln, wie man ihm wirksam entgegenwirken kann.” Um nicht missverstanden zu werden, beteuert er immer wieder, dass es ihm keineswegs darum gehe, Eltern zu beschuldigen oder zu diffamieren – allein der Frust über bornierte Eltern und „freche“ Kinder in der alltäglichen Sprechstunde seiner Praxis quillt dem Leser aus jeder Seite dieses Buches entgegen. Oft scheint ihm das selber nah an der Bewusstseinschwelle, wenn er unbeholfen erklärt, „der Umgang mit Kindern sollte immer liebevoll sein, Kinder brauchen unbedingt“ (meint er wirklich „unbedingt“ im Sinne einer personzentrierten Haltung?) „Zuwendung, etwa in Form von Kuscheln, in den Arm nehmen...“ Allein der Zugang zum Bewusstsein scheint ihm versperrt, und eine damit einhergehende Reflektion der Hintergründe und Bedingungszusammenhänge, der möglicherweise eigenen Anteile und daraus zu entwickelnden Handlungsstrategien, wie es in der von ihm als fachliche Heimat benannten tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie Usus ist, scheint ihm völlig fremd. So verharrt er mit all seien Thesen im Raum des Vorbewussten.
Drei Formen von Beziehungsstörungen stellt Winterhoff zwischen Eltern und Kinder fest, eine apokalyptische Trias sieht er aufziehen, die über uns herfällt und die Erziehung des Nachwuchs nachhaltig gefährdet. Es sind dies: Partnerschaftlichkeit, Projektion und Symbiose. Begriffe, die es verdienen, genauer betrachtet zu werden, um zu verstehen, was Winterhoff damit meint und in welcher Weise er sie für seine Zwecke zu instrumentalisieren versteht. Ohne jeglichen Rückgriff auf bisher entwickelte Theorien zu diesen Begriffen und ohne sie in seine Thesen zu integrieren, werden diese Störungen durch unwiderlegbare Allgemeinplätze, die allenfalls Kopfnicken bei einer pädagogisch-konservativen Laienschar oder resignierten Vertretern aus Schule und Jugendhilfe hervorrufen, illustriert. Die Methode, Fallbeispiele aus seiner täglichen Praxis ohne jegliche Beschreibung des individuellen Hintergrundes oder etwa der Erklärung der Genese der dargestellten Pathologie, aufzureihen, wirkt wie der hilflose Versuch, unverstandene Psychodynamik aus nicht bewältigten Herausforderungen des Arbeitsalltags in eine dazu erfundene Theorie einzupferchen. So wirken sie denn auch eher wahllos ins Buch gestreut und kaum dazu geeignet, das von ihm gerade angeprangerte gestörte Beziehungsmuster zu beschreiben. Hier ergibt sich eher der Eindruck, dass sie Betroffenheit erzeugen sollen, was sich Kinder heutzutage alles herausnehmen und wie inkompetent sich Eltern in solchen Situationen verhalten.
So versucht er das gestörte Muster „Partnerschaftlichkeit“ zu beschreiben: Kinder tanzen ihren Eltern auf der Nase rum, Eltern wissen sich nicht zu wehren, unterwerfen sich der Tyrannei ihrer Kinder und erklären das Verhalten ihrer Kinder mit deren „starker Persönlichkeit“. Nicht, dass es eine solche Interaktion zwischen Eltern und Kindern, Parentifizierungen und Mangel an Struktur und Diffusion von Generationengrenzen heute nicht gehäuft gäbe. Autoren wie Rogge, Omer oder Rotthaus – die an keiner Stelle erwähnt werden - beschreiben solche Probleme jedoch differenziert und methodisch nachvollziehbar, so dass sich auch Handlungskonzepte daraus ableiten lassen, sie haben es allerdings nicht nötig, hierzu Begriffe der humanistischen Psychologie wie „Partnerschaftlichkeit“ und „Persönlichkeit des Kindes“ zu diffamieren. „Partnerschaftlich“ meint doch vor allem ein durch Wertschätzung und Akzeptanz der Person geprägter Umgangsstil. Sollten Eltern und Erzieher das missverstanden haben und Akzeptanz als Akzeptieren jeglichen kindlichen Veraltens verstehen, so gilt es doch, dieses Missverständnis aufzulösen und nicht aus diesem Irrtum Kapital zu schlagen. Nirgendwo wird die Gefährlichkeit Winterhoffscher Simplifizierungen zum Zwecke einer ideologischen Polemik deutlicher als an dieser Stelle.
Eine mechanistische und fraktionierte Ausdrucksweise, die von der „Nervenzelle Mensch“ spricht, zeigt die eigene Distanz und Abgespaltenheit, von der aus er die Kontaktvermeidung der Kinder in der gegenwärtigen Gesellschaft kritisiert. Wenn Eltern sich in die Wahrnehmungswelt von Kindern hineinversetzen, wenn Eltern das Verhalten ihrer eigenen Kinder empathisch verstehen, bezeichnet er dies als „Symbiose“. Das Hineinversetzen in das Erleben und in die Wahrnehmung von Kindern gehört aber ebenso zu den Grundbeständen eines Beziehungsaufbaues zum Kind wie zu der Schaffung geeigneter Lernumwelten von Kindern. Vergeblich haben wir während einer öffentlichen Lesung des Autors versucht, mit ihm in Kontakt zu treten, um möglicherweise ein Gespräch über kontroverse Themen zu führen, allein hier zeigte sich, das die bei den Kindern so sehr angeprangerte Kontaktvermeidung möglicherweise eine persönliche Parallele zum Vortragenden beinhaltet, da er zwar gleich einem Propheten seine Theorien dozierte, verkündete und mit deutlicher Zufriedenheit ob des erschallenden Applauses abschloss, im Anschluss daran jedoch ohne jegliche Möglichkeit des Austauschs vom Podium schritt, um den Verkauf des Werkes durch persönliche Signatur zu fördern. Dies machte allerdings, tiefenpsychologisch betrachtet, eher den Eindruck, als könne an dieser Stelle auch eine manifeste Angst vor Kontakt und Auseinandersetzung in der Beziehung sichtbar werden.
Ein Beispiel aus einem Potsdamer Edelkindergarten, an dem er berechtigter Weise die projektive Verwechslung der Luxusbedürfnisse der Erwachsenen mit denen der Kinder kritisiert, dient jedoch am Ende dazu, die realen Bedürfnisse von Kindern gleich mit zu diskreditieren. Überhaupt scheinen ihm vitale Bedürfnisse wie die nach Lebendigkeit, Aggression, nach Beziehung, Macht und Lust bei Kindern zutiefst suspekt und daher von strenger Hand zu bändigen. Dazu müssen Kinder die natürliche Autorität des Erwachsenen respektieren lernen. Dies geschieht am besten durch ständiges Training. Verräterische Begriffe wie „Einschleifen von Grundfunktionen“ erlauben Einblicke in ein Menschenbild eines Paul Schreber, in dem ein Kind nichts weiter ist als ein zu formender Apparat, dem durch Drill – analog zu den Erfolgen im Leistungssport (Steffi Graf ist ihm hier ein leuchtendes Vorbild) – das rechte Verhalten anzutrainieren ist. Welche Rolle Liebe, Akzeptanz, Beziehung und Identifikation, kurz Partnerschaftlichkeit, beim Erlernen von Normen und Verbindlichkeiten in der Familie spielen, ist Winterhoff offenbar selber gänzlich entgangen. Der Stellenwert personaler Bindung, die uns Menschen gegebene archaische Sinnhaftigkeit von Gegenseitigkeit, wird an jeder Stelle des Buches ignoriert, verleugnet oder diffamiert.
Ein fest geformtes Weltbild von richtig und falsch weist uns den Weg. Unsere „gesunde Intuition“ sagt uns, was gut und böse, artig und „frech“ ist: „Kinder haben nicht mehr das Glück, intuitiv .... durch die Kindheit geleitet worden zu sein.“ Welche Intuition ist da wohl gemeint? Welche Erwachsenen heute können sich wohl glücklich preisen ob der Intuition, die die eigenen Eltern, Lehrer und Erzieher haben walten lassen? Meldet sich da beim nach eigenen Bekunden tiefenpsychologisch ausgerichteten Autor womöglich das eigene Täterintrojekt?
Wenig erfahren wir darüber, wie denn nun dieser von ihm als bedrohlich erkannten Entwicklung Einhalt zu gebieten ist. Hier dürfen wir voller Erwartung und Vorfreude auf das im Vorfeld schon vielfach angepriesene, voraussichtlich im Frühjahr 2009 erscheinende Zweitwerk des Autors sein, welches sicherlich in großer Hoffnung steht, eine annähernd hohe Auflagenstärke und damit zumindest für den Autor zukunftssichernde Perspektive zu eröffnen. Einen Ausblick hierauf geben die Vorschläge im aktuellen Werk, wo empfohlen wird, durch „Einschleifen“, häufiges Wiederholen der erwünschten Verhaltensweisen, damit sich die Synapsen wunschgemäß verschalten, vor allem aber offensichtlich durch Auflaufenlassen des Kindes, durch Nicht-Reagieren bei unerwünschtem Verhalten, durch Isolieren des Kindes, einen „natürlichen Aggressionsabbau“ stattfinden zu lassen. Warum um alles in der Welt eine Zurückweisung des Kindes, ein Kontaktabbruch zu einem „natürlichen Aggressionsabbau“ führen soll, erklärt er uns nicht. Die Tatsache, dass ein Kind in der Isolation nach einiger Zeit ruhig wird, sagt aber auch gar nichts über die innere Dynamik des Kindes aus. Wer da geglaubt hat, die „Supernanny“ sei an Schlichtheit nicht mehr zu überbieten, findet hier neben verhaltenstherapeutischen Simplifizierungen auch noch eine eiskalte lerntheoretisch und neurophysiologisch verbrämte Legitimation für die Abwehr lebendiger menschlicher Beziehungen. - Auf der Grundlage von Beziehungslosigkeit soll hier Beziehungsfähigkeit erzwungen werden.
Eine ebenfalls berechtige Kulturkritik an einer Überflussgesellschaft, eine Kritik die breite Zustimmung finden darf, wird aber sogleich genutzt, um gegen Bedürfnisbefriedigung, Lustorientiertheit zu Felde zu ziehen, denn hier liegt nach seiner Einschätzung die zu beobachtende schwindenden Frustrationstoleranz unserer Kinder. Früher, ja früher, da erlebte der Mensch „die wahre, ursprüngliche Fremdbestimmung ... durch Hunger, Kälte oder Krieg“, den Fünfjährigen wurde noch abverlangt, “längere Zeit sitzend am Tisch zu verbringen... Die Kinder mussten zusätzlich die Erfahrung machen, manchmal auch ohne Lust, diese Arbeiten auszuführen zu müssen und währenddessen ihre Eigenbedürfnisse zurückzustellen.“ Ein tiefenpsychologisches Analysieren und Verständnis der destruktiven Anteile des beschworenen Erziehungsstils mögen wir schon gar nicht mehr erhoffen. Stattdessen eröffnet sich hier erneut ein Einblick in die tiefe Lust- und Triebfeindlichkeit des Verfassers. All dies zeugt von wenig pädagogischer Fachkenntnis und Wissen um lernpsychologische Erkenntnisse: Nicht nur dass Lernen unter Lustbedingungen besser gelingt, gerade das Erlernen von Frustrationstoleranz geschieht bei Kinder nicht durch in situ –Expositionen aversiver Stimuli sondern durch Erfahrung von Beziehung, in denen gemeinsam erlebte Spannungssituationen ertragbar, verstehbar und im besten Falle in der Beziehung bewältigbar werden. Fazit: Kinder sollten es schwer haben im Leben. Uns Erwachsenen fehlt zudem die Reinigung durch Katastrophen und Elend, die uns wieder demütig und leidensfähig werden lässt. Das Buch hingegen verlangt einem erwachsenen Menschen eine Menge Leidensfähigkeit ab und verrät uns einiges über die verlorene Frustrationstoleranz und den erlebten Kontaktverlust des Autors im Umgang mit seinen großen und kleinen Patienten.
Ach, könnte man dieses Buch doch einfach ignorieren!
Kontakt:
Andreas Renger, GwG, Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, 02208/73774
Gudrun Schuster, Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, 02246 / 92 52 69
Freitag, 28. November 2008
Psychologische Privatpraxis Dipl.-Psych. Andreas Renger Tel.: 02 28 - 47 90 09







